Jeden Tag besuche ich diesen Ort. Jeden Tag, zumindest fast jeden, begegnen mir zwei Menschen, die mir auf ganz bizarre Weise eine mögliche Zukunft vor Augen führen, die ich einerseits anstrebe, aber die ich andererseits genau eben wegen jener bizarren Begleiterscheinungen ablehne.
Es ist nun genau 10 Jahre her. Ich lebe seitdem vaterlos. Früher erschien mir mein Vater im Traum. Er lebte irgendwo in China weiter, reinkarniert im selben Körper und im selben Alter, wie zu seinem Ableben - nur ohne diese schreckliche Krankheit. Ich traf ihn in einer kleinen Strasse, kleine Läden auf beiden Seiten, kleine Händler und kleine Kunden. Er fiel mir sofort auf, obwohl auch er kein überdimensionierter Riese war. Ich habe ihn in dieser Strasse nicht bewusst gesucht, wusste aber unterbewusst, dass er dort sein würde. Und dann stand er vor mir. Ich weiß nicht, wie lange wir uns sprachlos angeschaut haben. Innerlich wollte ich ihn umarmen und den unfassbaren Moment in Tränen ergießen. Ich konnte es aber nicht. Es war uns nicht erlaubt. Auch verbale Kommunikation war unmöglich. Er sagte mir trotzdem viel - ein Blick in seine Augen genügte mir und ich wusste, dass ich ihn nicht gefunden hatte, lediglich gesehen. Er ist jetzt jemand anderes und die Gebote der Wiedergeburt verbieten es ihm, sein früheres Leben zu berühren. Ich berührte es trotzdem, eine Silhouette. Danach ging er seiner Wege und ließ mich zurück. Kurzzeitig rannte ich ihm hinterher, aber er war verschwunden und ich wachte mit der im Traum nicht ermöglichten Träne auf....
Seit längerer Zeit habe ich ähnliche Visionen. Diesmal allerdings geschieht es jeden Tag an eben jenem Ort. Ich brauche nicht einmal den Schlaf dafür, um ihn wieder lebendig zu machen. Er sitzt vor mir oder zumindest in Blickweite oder aber im selben Saal oder ich sehe ihn auf dem Gang. Ich kenne fürchterliche Fotos von meinem Vater, so Ende Zwanzig Anfang Dreißig. Dieses Bild konsequent weitergedacht, mit Ende 30 eine Glatze hinzugezaubert, die Brille behalten und ohne den Wechsel des Herrenausstatters erhält man den Kerl da gegenüber. Erschreckend. Zum Glück hat mein Vater damals Herrenausstatter, Optiker und das Shampoo gewechselt. Oder liegt es vielleicht daran, dass er seine 'akademische Karriere' abgebrochen hat? Was will diese tägliche Vorstellung vermitteln?
Es gibt noch einen weiteren Dauergast an diesem Ort, der meine Vorstellungskraft anregt, hingegen erst seit kurzem. Er scheint im selben Alter wie 'mein' Vater zu sein und ist ähnlich seltsam. Er ähnelt mir in Größe und Statur. Allerdings kleidet ihn jeden Tag das selbe Hemd und die selbe Jeans. Obwohl ich gerade sehen musste, dass die Jeans offensichtlich doch einmal gewechselt wurde. Er erinnert mich groteskerweise an mich, oder zumindest daran, wie ich in zehn, zwölf Jahren aussehen könnte. Längere verfettete Haare, ein verbittertes Gesicht und eine seltsame Abwesenheit. Er wirkt ziemlich heruntergekommen, fast schon angsteinflößend. Sicher ein verstört verstimmter Promovend.
Die Vorstellung ist gruselig. Mein Vater und ich am selben Ort, im selben Alter, mit dem selben Vorhaben und einem ähnlichen äußerlich abschreckenden Erscheinungsbild.
Wenn es nach mir ginge, werde auch ich bald promovieren. Sollte ich das wirklich tun?
Quoi faire?
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